Dieses Lokal samt Stadt muss eine Simulation sein. Hjørring, eine Stadt mit 25.000 Einwohnern, ist 18 Uhr in der Innenstadt leergefegt. Um den Schein einer echten Stadt aufrechtzuerhalten, ist ein simuliertes Kind auf einem Roller und eine Gruppe BWL-Justi (Mehrzahl von BWL-Justus) unterwegs. Das Rollerkind fährt für den gesamten Besuch dieselbe Strecke immer wieder. Es fährt dabei nie zurück, sondern kommt immer aus derselben Richtung, fährt unaufhaltsam zum 12. Mal über denselben Huckel eines Pumptracks, fällt danach fast hin, und verschwindet aus dem Blickfeld. Die zukünftigen Topperformer Dänemarks sitzen auch bei uns im Restaurant, 4 Tische entfernt, die Gruppengröße bewegt sich irgendwo zwischen 15 und 150. Alle natürlich mit einem (potenziell) teuren Vino und einem Tomahawksteak bewaffnet, bereit Papa das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Papa bin in diesem Szenario anscheinend übrigens ich, dazu aber später mehr. Also, durch die Geisterstadt, an einem der 20 leeren Tische einen Platz gefunden, und kurz die geschlossenen Geschäfte und Restaurants um uns rum begutachtet. Der Kellner steht neben uns, wir bestellen jeweils Burger nach dem Hans-Im-Glück-Prinzip (Nicht das Märchen, die Burgerkette). Wir bekommen also einen Zettel mit Dutzenden Auswahlmöglichkeiten, von Bun-Art, über Soßen, Fleisch bis zu den Getränken. Alles wird angekreuzt. Der Kellner ist freundlich und hat ein gutes skandinavisches Englisch vorzuweisen.
Die Getränke kommen, das Citrus Blanche Bier, wohl eine lokale Spezialität, kann leider mit den guten bayrischen Bieren, sogar mit Radlern, beiweiten nicht mithalten. Wässrig und sauer ist wohl der beste Begriff dafür.
Die Burger sind solide, keine Offenbarung, aber nach einem anstrengenden Tag auf Achse beschwert man sich darüber nicht. Die Pommes knusprig, die Remoulade sehr lecker, ich habe eine gute Zeit. Auch beim weiteren Umschauen fallen lustige Eigenheiten auf, die zu einer sehr heiteren Stimmung beitragen.
So sind zum Beispiel die Speisekarten, welche an Restaurants stets draußen hängen, um Gäste zu locken, in einer sportlichen Höhe von ca. 1,5 Schorsch aufgehängt. Selbst Skandinavier sind glaub ich nicht so groß.
Der Abend neigt sich dem Ende zu und der Alkohol zeigt seine Wirkung. Wir wollen also zahlen, um zu unserer Übernachtungsstätte zurückzukommen. Wir sagen Bescheid, dass wir zahlen wollen, während der Kellner die Stühle der leeren Tische aufräumt. Die BWL-Gruppe sitzt noch unverändert an ihrem Platz. Uns wird gesagt, dass wir zum zahlen mit der Karte reingehen müssen, also gesagt getan. Am Zahlterminal steht eine uns unbekannte Kellnerin, und wir sagen dass wir zahlen wollen. Wir sehen nichts, sie fragt nicht welcher Tisch, ob wir die Rechnung splitten oder zusammenzahlen wollen, nein, gar nichts. Der andere Ober muss wohl bereits bescheidgesagt haben. Das Kartenbezahlterminal blinkt auf, eine hohe Summe dänischer Kronen, aber ich habe ja keine Wechselstation gefressen, die Zahl wird schon stimmen. Ich denke mir, dass wir wohl zusammenzahlen und später anhand der Rechnung splitten müssen. Papa Paul machts also, hält seine Karte an das Gerät, es piept, und die Zahlung ist abgeschlossen. Die Dame händigt mir eine Rechnung aus, ich bedanke mich und verlasse den Laden.
Draußen warten die anderen bereits. Mein Handy schickt mir eine Benachrichtigung „Zahlung in Höhe von 300€ autorisiert“. 300€?? Das kann doch nicht stimmen. Wir haben Stefan nicht dabei, also haben wir niemals soviel gegessen. Ich gehe auf der Rechnung die Einzelposten durch und meine Augen werden groß. Steaks, Weine, Salate. Alles Dinge die wir nie bestellt oder gegessen haben. Mein Herz rutscht in die Hose, soviel Geld hat Papa dann doch nicht, um fremde Dinge zu bezahlen. Ich spreche kurz mit den Jungs, erkundige mich ob ich mich irre oder schlecht sehe, tue ich jedoch nicht. Also wieder rein, die Kellnerin gesucht und ihr mein Problem geschildert. Sie sagt soetwas wie, „Ahja“, und tippt wie wild auf dem IPad rum, auf dem sie schon vorhin unsere Zahlung veranlasst hat. Das Zahlungsterminal blinkt wieder auf, es steht nichts drauf. „Hold your Card on the Cardreader“ sagt sie, ich tue wie verheißen. „The Money will shortly be back on your Bankaccount“. Sie gibt mir noch eine Quittung, und ich gehe wieder raus.
Für ehrenlose 2 Tage bange ich um mein Geld, bis ich eines morgens mit der Benachrichtigung aufwache, dass 150€ zurückerstattet wurden. Ob das der richtige Betrag ist? Keiner weiß, die richtige Rechnung haben wir ja nie bekommen.
Das Essen ist valide, aber die Zahlerei hat mich und mein Herz vermutlich 2 Lebensjahre gekostet. Ich würde mir ein anderes Restaurant suchen, wenn ich wieder in die Gegend komme.
